Auf ein Wort

»Kleine Helden des Corona-Alltags«

Heinz-Peter Meidinger

Liebe Kollegen  und Kolleginnen,

wenn ich in diesen Tagen danach gefragt werde, was die Lehrkräfte in der Corona-Zeit denn eigentlich täten, antworte ich immer: Lehrkräfte halten Präsenzunterricht für manche Klassen, Kurse oder Lerngruppen, sie kombinieren Präsenz- und Fernunterricht und sie bieten komplett digitalen »Ersatzunterricht« für andere Klassen an – und das unter in der Regel unzureichenden schulischen digitalen Voraussetzungen. Dazu haben Lehrkräfte in manchen Bundesländern bereits Abiturprüfungen abgenommen, als die Schulen komplett geschlossen waren und sie tun es weiterhin.

Die »Corona-Zeit« ist keine leichte Zeit, für niemanden, weder für die Schüler noch für die Eltern noch für die Lehrkräfte. Wir alle sind dankbar für die »Helden des Alltags« in Corona-Zeiten, insbesondere für den Einsatz der Ärzte und des Pflegepersonals. Zu den »kleinen Helden des Alltags in Corona-Zeiten« gehören aus meiner Sicht aber eben neben weiteren Berufsgruppen, die den Corona-Alltag in der Bundesrepublik aufrechterhalten, auch die Lehrkräfte, wenn sie gerade in diesen schwierigen Zeiten Schüler auf ihre Prüfungen vorbereiten, diese mit ihnen durchführen, sie zu ihrem Schulabschluss führen und sie darüber hinaus kreativ einen »unnormalen« Unterricht unter unklaren Rahmenbedingungen gestalten müssen.

Die Frage: Wie geht es weiter mit Schule und Unterricht? bewegt uns alle. Der Deutsche Lehrerverband hat in Abhängigkeit vom Infektionsschutz ein »Schichtmodell« angeregt, um eine schrittweise Rückkehr aller Jahrgangsstufen in den Präsenzunterricht im wöchentlichen Wechsel bis zu den Sommerferien zu ermöglichen. In diesem Modell erfolgt in Woche 1 der Unterricht mit (coronabedingt) der einen Hälfte der Klasse im herkömmlichen Stundenplan. Alle Unterrichtsfächer sollen unterrichtet werden. In Woche 2 erfolgt dieser Unterricht für die andere Hälfte der Klasse.

Aus Sicht des Deutschen Philologenverbandes habe ich angeregt, den Zeitrahmen für dieses Modell, das sicherlich länderspezifisch variiert werden muss, zeitlich zu öffnen und es ggf. als ein Modell in das nächste Schuljahr hinein zu denken. Wir werden sehen, ob die Kultusminister bessere Modelle entwickeln, die der zu schützenden Gesundheit der Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler und deren Angehörigen Rechnung tragen, aber auch den Bildungs-, Erziehungs- und Betreuungsinteressen der Gesellschaft. Ein schwieriger Abwägeprozess.

Einen sinnvollen Schritt hat indes Bundesbildungsministerin Karliczek angekündigt. In Gesprächen mit ihr und der Präsidentin der Kultusministerkonferenz Hubig hatte ich dargestellt, dass gerade in der jetzigen Unterrichtssituation neben vernünftiger digitaler Infrastruktur und Wartung an den Schulen eine übergreifende, auch an den Bildungsstandards orientierte Sichtung und Prüfung der im Netz vorhandenen digitalen Bildungsinhalte, deren zentrale Auffindbarkeit sowie völlige Rechtssicherheit bei ihrer Nutzung durch die Lehrkräfte fehlt.

Das BMBF baut jetzt ein solches länderübergreifendes, bundesweites Medienportal auf: »Sodix« soll es heißen. Dies ist ausdrücklich zu begrüßen. Was dabei aber noch fehlt, ist Folgendes: Guter Unterricht basiert auch auf qualitativ hochwertigen Materialien, die aktuell eben nicht frei verfügbar sind, wie beispielsweise Schulbücher. Hier fordert der Deutsche Philologenverband, dass in »Sodix« zusätzlich Geld für den Kauf von digitalen Lizenzen für die Nutzung solcher (Schulbuch-)Materialien für unterrichtliche Zwecke bereitgestellt wird, so wie dies die Universitäten längst mit wissenschaftlichen Verlagen praktizieren. Und besonders wichtig dabei: »Sodix« muss dann eine Dauereinrichtung sein! Die verfügbaren Materialien müssen dauerhaft vorgehalten und regelmäßig erweitert werden, damit Lehrkräfte sich bei der Planung ihres Unterrichts und der Gestaltung ihrer Materialien auf »Sodix« verlassen können. Dies muss ein solches Medienportal leisten: Es sollte ein bundesweites digitales Medienportal als »kuratierte Clearingstelle« für »freie digitale Bildungsmaterialien« mit zusätzlichen Lizenzen für Schulbücher sein, das als eine Grundlage für zu erstellende online-Lehrmaterialien dient.

Wenn die Schulen weitere wirksame Unterstützung auch im digitalen Bereich erhalten, werden sie dank des außerordentlichen Einsatzes der Lehrkräfte beim Fern- und Präsenzunterricht ihren wichtigen Beitrag dazu leisten, dass unsere Gesellschaft so gut wie möglich durch diese schwierige Krisenzeit kommt. Dazu wünsche
ich Ihnen Kraft und Gesundheit!

Mit herzlichen Grüßen

Ihre
Susanne Lin-Klitzing

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