Auf ein Wort

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Auf ein Wort 2017-12-14T08:52:41+00:00
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PROFIL, das Mitgliedermagazin des Deutschen Philologenverbandes, erscheint zehnmal jährlich in einer IVW-geprüften Auflage von mehr als 54.000 Exemplaren pro Ausgabe im gesamten Bundesgebiet.

Gute Gründe für Profil

Auf ein Wort

Ein letztes Mal …

Heinz-Peter Meidinger

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

14 Jahre lang habe ich an dieser Stelle versucht, auf einer Seite Stellung zu beziehen, meist zu bildungs-, manchmal zu berufs- und ab und zu auch zu gesellschaftspolitischen Themen.

Es war zunächst die Zeit des medialen PISA-Schocks, die das Thema Bildung ganz nach oben auf die Titelseiten der Zeitungen und in die Hauptnachrichtensendungen des Fernsehens beförderte. Dabei begegnete uns durch die OECD bei PISA allerdings ein eigentümlich verkürzter Bildungsbegriff. Die Angst wurde geschürt, Deutschland drohe, wirtschaftlich global abgehängt zu werden. In allen Bundesländern überschwemmte in den Folgejahren eine Welle von Reformen die Schulen.

Nicht wenige Politiker glaubten, Schulen durch Reformen zur wirtschafts- und sozialpolitischen Wunderwaffe weiterentwickeln zu können. Die Erwartungen, die man an Reformen und Zielvorgaben wie ‘längeres gemeinsames Lernen’, Gymnasialzeitverkürzung, Kompetenzorientierung und Erhöhung der Abiturientenquoten setzte, waren so immens wie widersprüchlich: Chancengleichheit für alle und Elitebildung, Wettbewerbsvorteile und soziales Miteinander, Kreativität und Standardisierung, Hochbegabtenförderung und Inklusion, Stärkung des Leistungsgedankens und Abschaffung des Sitzenbleibens.

Erst allmählich und umso schmerzhafter wurde klar, dass die meisten dieser Reformen ihr vorgebliches Ziel, Bildung zu stärken, weit verfehlten. Die einst geweckten Heilsversprechen der Gemeinschaftsschulen werden derzeit schmerzhaft von der Realität eingeholt, der neoliberale Beschleunigungswahn wurde nicht erst seit der Bankenpleite entzaubert und nicht zuletzt wächst die Erkenntnis, dass gerade die Orientierung an quantitativen Erhöhungen und das Starren auf Quoten zu einer qualitativen Verflachung der Bildung beigetragen hat.

Leider überlagert dieses verkürzte, ökonomisch geprägte Verständnis von Bildung auch ganz aktuell die abgebrochenen und neu anlaufenden Sondierungsverhandlungen zur Bildung einer Koalitionsregierung. Es wird über Ganztagsschule geredet, in Wirklichkeit geht es aber nicht um Schule, sondern um die Verwahrung von Kindern, um mehr Arbeitskräfte zu gewinnen, Schulsanierungsprogramme werden im Kontext von Konjunkturprogrammen verhandelt und bei der Digitalisierung orientiert man sich an der Logik der ‘Global Player’, die vorrangig auf der Suche nach riesigen neuen Absatzmärkten sind.

Die Tristesse mancher Schuldebatten besteht vor allem darin, dass sie Bildung nur als Durchgangsstation zu etwas anderem, ‘Besserem’ begreifen, zu Wohlstand, sozialem Aufstieg und Wettbewerbsfähigkeit. Schule und Studium erscheinen in diesen Pseudo-Bildungsdiskussionen eigentlich vornehmlich als Hindernisse, die unsere Jugendlichen vom eigentlichen Leben, vom Geldverdienen und Konsumieren trennen.

Umso wohltuender ist es, wenn man auf Stimmen in dieser Gesellschaft trifft, die noch daran festhalten, dass Bildung einen eminent bedeutsamen Eigenwert für die Persönlichkeitsbildung jedes Einzelnen hat. Vielleicht finden Sie ja während der ruhigen Zeit des Jahreswechsels Zeit für die Lektüre eines der folgenden beiden Bändchen:

Konrad Paul Liessmann: Theorie der Unbildung – eine schonungslose Abrechnung des österreichischen Bildungsphilosophen mit den Irrtümern der Wissensgesellschaft und Jürgen Kaube: Im Reformhaus – eine lesenswerte Zusammenstellung der brillanten bildungspolitischen Essays des FAZ-Herausgebers.

Nach 14 Jahren habe ich nicht wieder für den Vorsitz des DPhV kandidiert, auch, um mich ganz auf meine Aufgabe als DL-Präsident konzentrieren zu können. Ich wünsche meiner Nachfolgerin, Susanne Lin-Klitzing, alles Gute und viel Erfolg in ihrem neuen Amt.

Ihnen allen wünsche ich ein Frohes Fest sowie Glück und Gesundheit im Neuen Jahr!

Mit kollegialen Grüßen

Ihr Heinz-Peter Meidinger

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