Auf ein Wort

Stammtisch statt Standardabweichung? Das wollen wir nicht!

Heinz-Peter Meidinger

Liebe Kollegen und Kolleginnen,

wie so häufig hat sich Andreas Schleicher, OECD-Direktor des Direktorats für Bildung und internationaler Koordinator der PISA-Studien, zu den Ergebnissen der letzten PISA-Studie und ihren Ursachen zu Wort gemeldet. Der Chef einer der öffentlichkeitswirksamsten Studien zum Vergleich der „Leistungsfähigkeit“ von Bildungssystemen sollte sicherlich bei seiner Sicht auf das deutsche Schulsystem auf die von ihm, oder – wie man das von einem Wissenschaftler erwarten dürfte – von anderen erhobenen Daten zurückgreifen und diese differenziert analysieren und in den Kontext stellen. Wer das erwartet, der wird sich beim jüngsten Interview von Andreas Schleicher in den Stuttgarter Nachrichten verwundert die Augen reiben.

Denn statt Mittelwerten und Standardabweichungen gibt es Stereotype und Stammtischparolen. Schnell ist da das Grundübel ausgemacht: Die Lehrerinnen und Lehrer jammern einfach zu viel und arbeiten zu wenig – was stört es den Wissenschaftler da, dass wissenschaftliche Erhebungen regelmäßig zum gegenteiligen Ergebnis kommen? Dass die Unterrichtsverpflichtung der deutschen Lehrkräfte so hoch ist wie fast nirgendwo anders, das erwähnt Andreas Schleicher nicht. Stattdessen fordert er die Lehrkräfte auf, Lernsoftware doch einfach selbst zu entwickeln – dass es erst seit Corona überhaupt nach und nach ausreichend viele verfügbare digitale Endgeräte in den Schulen gibt und dabei Fragen des Urheberrechts und des Datenschutzes in Deutschland immer noch ungeklärt sind, ficht den Überzeugten da nicht an. Und Schülerinnen und Schüler zu Hause besuchen, das ist doch bitte auch noch drin – ob bei schnell einmal über 100 Schülerinnen und Schülern am Tag pro Lehrkraft dafür die ansonsten nachmittags stattfindenden Arbeitsgemeinschaften, (digitalen) Unterrichtsvorbereitungen, Klausurkorrekturen oder Konferenzen zu Schülerinnen und Schülern mit besonderem Förderbedarf ausfallen sollen, dazu äußert sich der Weise aus Paris nun leider nicht.

Dass dann nicht nur für die Planung von Kurs- und Klassenfahrten, sondern auch für die Organisation der von der Wirtschaft so sehr geliebten Berufspraktika weniger Zeit bliebe – das wäre sicher eine Folge, die Schleichers Arbeitgeberin, der OECD, so gar nicht gefallen dürfte.

Überhaupt: Weniger „nach oben schauen“ sollen die willfährigen Befehlsempfängerinnen und -empfänger, die sich laut Schleicher Lehrkräfte nennen – ob er damit meint, dass wir die ganzen Erlasse der Kultusministerien nicht so ernst nehmen sollen? Die Kultusministerinnen und -minister, die die PISA-Studie immer wieder neu in Auftrag geben und finanzieren, werden überrascht die Augenbraue heben. Und schließlich noch das: Naturwissenschaften sollten nicht unterrichtet werden wie Religion, belehrt uns der gelernte Physiker – und macht dabei gleich zwei peinliche Fehler: denn erstens werden die Naturwissenschaften schon lange nicht mehr so unterrichtet, zweitens aber Religion eben auch nicht. Und spätestens da zeigt sich, dass Andreas Schleicher, obschon Chef der großen Datenmaschine PISA, seine eigene Erfahrung höher schätzt als die wissenschaftliche Datenlage – und dabei den aktuellen Alltag in deutschen Regelschulen offenbar nicht kennt.

Wenn aber selbst der PISA-Chef der OECD all die empirischen Daten nicht braucht, würden wir den Schulen, den Schülerinnen und Schülern sowie uns Lehrkräften nicht einen Gefallen tun, zukünftig auf diese aufwendigen Erhebungen, in jedem Falle aber auf eben diesen Chef des OECD-Direktorats Bildung zu verzichten?

Den Kultusministerinnen und -ministern jedenfalls müsste diese Art der PISA-Interpretation zu denken geben, denn derart vorurteilsbehaftete Zuschreibungen gegenüber deutschen Lehrkräften müssen jedem Dienstherrn, der seine Lehrkräfte wertschätzt, sie halten und dringend neue gewinnen will, ein Gräuel sein. Wir fordern sie auf, die deutschen PISA-Erhebungen auszusetzen, solange Andreas Schleicher PISA-Koordinator ist.

Mit kollegialen Grüßen!

Ihre Susanne Lin-Klitzing

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