Auf ein Wort

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Auf ein Wort2018-09-06T19:13:04+00:00
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PROFIL, das Mitgliedermagazin des Deutschen Philologenverbandes, erscheint zehnmal jährlich in einer IVW-geprüften Auflage von mehr als 54.000 Exemplaren pro Ausgabe im gesamten Bundesgebiet.

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Auf ein Wort

Brauchen wir ‘TIMSS, PISA, IGLU & Co.’ noch?

Heinz-Peter Meidinger

Liebe Kollegen und Kolleginnen,

anlässlich zweier Jahrzehnte internationaler Schulleistungsvergleichsstudien ist kritisch zu fragen: Was haben PISA & Co. für unser Schulsystem, für unser Gymnasium, für Sie, Ihre Arbeit, Ihren Unterricht, Ihre Schülerinnen und Schüler ‘gebracht’? Soll es genauso weitergehen?

1997 beschloss die KMK, an internationalen Vergleichsstudien teilzunehmen. 2004 formulierte sie im Zuge der nach PISA begonnenen Entwicklung von Bildungsstandards den Bildungsauftrag der Schulen: »Der Auftrag der schulischen Bildung geht weit über die funktionalen Ansprüche von Bildungsstandards hinaus. Er zielt auf Persönlichkeitsentwicklung und Weltorientierung, die sich aus der Begegnung mit zentralen Gegenständen unserer Kultur ergeben. Schülerinnen und Schüler sollen zu mündigen Bürgerinnen und Bürgern erzogen werden, die verantwortungsvoll, selbstkritisch und konstruktiv ihr berufliches und privates Leben gestalten und am politischen und gesellschaftlichen Leben teilnehmen können.«

Bildungsstandards spielen hier eine untergeordnete Rolle. Was also sollten PISA & Co. erbringen? Steuerungswissen! »Wissen für Verfahren der Steuerung im Bildungswesen und für politisch-administrative Entscheidungen zur Verbesserung der nationalen Bildungssysteme«. Die Kernfrage lautet
also, ob die Daten, die mit den internationalen Schulleistungsstudien erbracht werden, dazu geeignet sind, Schule und Unterricht umfänglich zu steuern; eine zweite, ob ‘richtig’ ‘gesteuert’ wurde.

Im Rückblick lassen sich diverse Wirkungen und Nebenwirkungen beobachten. Eine positive ‘Nebenwirkung’ ist die länderübergreifende Entwicklung zu einem ‘zentraleren’ Abitur – weder von PISA bezweckt, noch von der KMK beschlossen. Gleichwohl verzeichnen wir den größten Entwicklungsschub dazu nach den Auswertungen von PISA und PISA-E: Zwischen 2005 und 2007 führen auch Brandenburg, Hamburg, Niedersachsen, Berlin, Bremen, Hessen, NRW und Schleswig-Holstein ein Landesabitur mit zentralen Aufgabenstellungen ein!

Als direkte Konsequenzen erfolgten die abschlussbezogenen Regelbildungstandards durch die KMK in ausgewählten Fächern, die allerdings unterschiedliche Ausgestaltungen der Kerncurricula in den Ländern nach sich zogen, so dass leider zum Teil zentrale Gegenstände unserer Kultur nicht mehr abgebildet werden.

Anstelle von PISA-E (2002), das einen ganz offensichtlich öffentlich wirksamen Leistungsvergleich der Bundesländer ermöglicht hatte, wird nun VERA (Vergleichsarbeiten bzw. Lernstandserhebungen) in den Klassen 3, 6 und 8 durchgeführt, allerdings nicht von allen Bundesländern und mit uneinheitlicher Publikation der Ergebnisse. Mit dem Verzicht auf PISA-E ist auf einen Leistungsvergleich verzichtet worden, der die KMK und die Länder hätte in die Pflicht nehmen können, sich tatsächlich für eine Verbesserung der Bildungsverhältnisse der PISA-Schlusslichter, beispielsweise Bremen und Berlin, einzusetzen. Eine vertane Chance unter dem Gesichtspunkt von mehr Bildungsgerechtigkeit für die Schülerinnen und Schüler in den betroffenen Bundesländern! Diesen Ländervergleich soll nun der IQB-Bildungstrend in Klasse 4 und 9 leisten.

Als eine weitere Nebenwirkung ist festzustellen, dass sich viele Länder nach PISA entschieden haben, Lehrerfortbildung inhaltlich, quantitativ und in bestimmten Formen verpflichtend zu gestalten, ohne dass hinreichende empirische Erkenntnisse über positive Wirkungen von quantitativ-nachzuweisender Lehrerfortbildung vorlagen. Gute Fortbildungsansätze wie SINUS wurden leider nicht fortgeführt; die Bedingungen für Lehrkräfte, gut und ertragreich an Fortbildungen teilzunehmen, haben sich verschlechtert. Ein nachhaltiger Wettbewerb um wirksame Konzepte und gute Durchführungsbedingungen steht aus!

Grundsätzlich ist jedoch positiv zu betonen, dass mit PISA & Co. eine Fülle von Daten über Leistungsergebnisse in Schulen gewonnen und damit ein Bildungsmonitoring begonnen werden konnte. Die (politische) Bedeutsamkeit von Bildung wurde enorm vorangetrieben, die Leistungsergebnisse haben sich zum Teil verbessert.

Gleichwohl fehlt die konstruktiv-kritische Evaluation der Umsetzung der Bildungsstandards und Kerncurricula in den Ländern. Die Förderung der leistungsstarken Schülerinnen und Schüler kommt nach wie vor zu kurz; es gibt keine Orientierung an Maximalstandards, aber eine Fokussierung auf ‘Grundbildung’. Bildungspolitische Konsequenzen aus PISA sind nicht in berufspolitische Zusammenhänge mit der Lehrerbelastungsforschung gestellt worden.

Nach der Aufbruchstimmung ist nun festzustellen, dass Schule und Unterricht eben nur begrenzt über aus empirisch-quantitativen Schulleistungsvergleichen gewonnene Daten ‘gesteuert’ werden können. Der umfassendere Erziehungs- und Bildungsauftrag von Schule muss neu in den Blick genommen, Rahmenbedingungen für Lehrkräfte verbessert werden. Andere wichtige Dinge sind zu lange vernachlässigt worden: Schülerzahlen und Lehrerbedarfsprognosen hätten ebenso akribisch erhoben, Lehrkräfte entsprechend ausgebildet und eingestellt werden müssen.

Insofern lässt sich zusammenfassend konstatieren, dass PISA und Co. für ein Bildungsmonitoring zwar hilfreich waren, für die umfassende Steuerung von Schule und Unterricht aber überschätzt wurden. Ein selbstverständliches »Weiter so (alle drei Jahre)!« ergibt sich daraus nicht!

Mit herzlichen Grüßen

Ihre

Susanne Lin-Klitzing

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