Auf ein Wort

‘Winds of change’ sind nach wir vor nötig!

Heinz-Peter Meidinger

Liebe Kollegen und Kolleginnen,

2019: 100 Jahre Frauenwahlrecht, 70 Jahre Grundgesetz, 30 Jahre friedliche Revolution und Mauerfall in diesem November 2019! Gesellschaftliche und gewerkschaftliche Freude gehen hier für den Deutschen Philologenverband Hand in Hand, rückte doch mit dem Mauerfall 1989 die Wiedervereinigung Deutschlands und nach Gründung der ostdeutschen Philologenverbände auch ein gesamtdeutscher Philologenverband mit neu gegründeten Gymnasien und Gymnasiallehrkräften in allen Bundesländern in greifbare Nähe! Heute ist das Gymnasium die einzige in allen Bundesländern existierende weiterführende Schulart: ein Erfolgsmodell für einen Bildungsaufstieg über Landesgrenzen und Herkünfte hinweg! Damit ist großer Dank an alle unsere Gymnasialehrkräfte verbunden, die sich mit nimmermüdem Idealismus für die Schülerinnen und Schüler unter zum Teil schwierigen Arbeitsbedingungen einsetzen!

In alle Freude darüber mischen sich aber auch bildungs- und berufspolitische Ungeduld und Mahnung: Werden 2019 nach nun 20 Jahren empirischer Bildungsforschung, nach der ersten PISA-Studie im Jahre 1999 und ihrer Veröffentlichung im Dezember 2000, über die Bereitstellung von Daten hinaus auch schulpolitisch vernünftige Entscheidungen getroffen?

Die Auswertung des gerade erschienenen IQB-Bildungstrends über die gemessenen Schülerleistungen im MINT-Bereich für die Sekundarstufe I lässt daran Zweifel aufkommen, bestätigt aber die Positionen des Deutschen Philologenverbands für ein gegliedertes Schulwesen und für eine verbindliche Grundschulempfehlung: Die Bundesländer mit einem stark differenzierten und gegliederten Schulwesen und verbindlicher Grundschulempfehlung, Sachsen und Bayern, liegen wieder einmal vorne (für Sachsen galt zum Zeitpunkt der Erhebung noch die volle Verbindlichkeit der Grundschulempfehlung).

Bremen und Berlin liegen nach wie vor hinten. Befunde, die sich letztlich mit gewisser Variation seit PISA-E 2000 über die IQB-Ländervergleiche und IQB-Bildungstrends wiederholen. Ergo: Bremen und Berlin täten gut daran, von Bayern und Sachsen zu lernen, damit die Schülerinnen und Schüler in den leistungsschwachen Bundesländern endlich besser werden können! Der Stellenwert naturwissenschaftlich-mathematischer Bildung ist in Sachsen und Bayern nach wie vor sehr hoch, dies zeigt sich auch in der entsprechenden Ausstattung der Stundentafeln und der hohen Qualität der Lehrerbildung.

Insgesamt jedoch ist über alle Länder hinweg und auch an den Gymnasien kein Aufwärtstrend in den MINT-Leistungen gemessen worden. Hier zeigt sich, dass es neben der besonderen und notwendigen Fokussierung auf die leistungsschwächeren Schülerinnen und Schüler eben auch und gerade wieder der spezifischen Forderung und Förderung unserer leistungsstärkeren Schülerinnen und Schüler an den Gymnasien und der Gymnasien selbst bedarf, die in den letzten Jahren – gewissenmaßen als ‘Selbstläufer’ – zunehmend aus dem Blick geraten sind.

Die bedeutsame Nachricht dieses IQB-Bildungstrends ist: ein differenziertes Schulsystem mit verbindlicher Grundschulempfehlung trägt für alle Schülerinnen und Schüler in allen Schularten positive Früchte! Für die Regierungen in den leistungsschwächeren Bundesländern ist es Zeit, ihre kontinuierlich nicht
erfolgreiche Schulpolitik in diesem Sinne zu überdenken!

Ein kleiner Hoffnungsschimmer für die Lehrkräfte in Berlin zeigt sich gleichwohl: Der konsequenten Forderung des Philologenverbands, des dbb und vieler anderer nach einer Wiederverbeamtung der Berliner Lehrkräfte hat zumindest der Berliner SPD-Parteitag jetzt Rechnung getragen und sich dafür ausgesprochen. Ob sich dieser ‘wind of change’ in der Berliner Regierungskoalition durchsetzt, bleibt abzuwarten. Für Bremen und Berlin ist jedoch ein deutlicher ‘wind of change’ angesichts der messbar dauerhaft erfolglosen Schulpolitik zu Lasten von Schülern und Lehrkräften nötiger denn je!

Mit herzlichen Grüßen

Ihre
Susanne Lin-Klitzing

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