Türkisch statt Englisch an Grundschulen? Für die Chefin des Philologenverbandes, Susanne Lin-Klitzing, die falsche Frage: Viele Kinder könnten nicht mal richtig Deutsch. In der Debatte um Schulschwänzer, die zu Demos gehen, zeigt sie sich milde.

WELT: Frau Lin-Klitzing, der Sprecher des Integrationsrates Nordrhein-Westfalen hat vorgeschlagen, den Englischunterricht in der Grundschule abzuschaffen. Stattdessen sollten alle Kinder gemeinsam Türkisch, Polnisch oder Russisch lernen. Was halten Sie von diesem Vorstoß?

Susanne Lin-Klitzing: Das wäre kontraproduktiv. Die Befunde der letzten IGLU-Studie (Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung,
d. Red.) zeigen, dass viele Schüler an Grundschulen nicht mal vernünftig Deutsch können. Der Leistungsnachteil von Kindern mit Migrationshintergrund entspricht einem halben Schuljahr, wenn ein Elternteil im Ausland geboren wurde, und einem ganzen Schuljahr, wenn beide Elternteile im Ausland geboren wurden. Wir sind also dringend in der Pflicht, Deutsch als Bildungs- und Verkehrssprache in Deutschland zu stärken und nicht neue Fremdsprachen einzuführen.

WELT: Wie wollen Sie Deutsch an Schulen stärken?

Lin-Klitzing: Wir müssen den Anteil des Deutschunterrichts auf mindestens sechs Stunden in den Klassen eins bis vier wöchentlich ausweiten. Das hat Hessen jetzt bereits angekündigt. Es muss in der Grundschule in den Deutschunterricht statt in den Fremdsprachenunterricht investiert werden. Mit Fremdsprachen sollte man in der Grundschule, wenn überhaupt, ab der dritten Klasse beginnen, besser erst in der fünften Klasse. Studien zeigen, dass beispielsweise der Englischunterricht ab der ersten Klasse zu schlechteren Lernergebnissen führte als ab der dritten Klasse.

WELT: Und was ist mit Türkisch, Polnisch oder Russisch?

Lin-Klitzing: Deutsch ist die erste Integrationspflicht. Damit Kinder mit Migrationshintergrund Vorteile aus ihrer Muttersprache ziehen können, sollten sie in den weiterführenden Schulen die Möglichkeit haben, beispielsweise Türkisch, Polnisch oder Russisch als zweite oder dritte Fremdsprache wählen zu können. Das wäre optimal, um ihr Potenzial zu nutzen.

WELT: Könnte Schülern allgemein auch helfen, wenn man das Bewertungssystem ändert? Gerade wird viel über Hessens Bildungspolitik diskutiert. Dort soll einigen Schulen freigestellt werden, ob sie ihre Schüler mit Noten oder schriftlichen Beurteilungen bewerten.

Lin-Klitzing: Es gibt in Deutschland neben dem herkömmlichen Regelschulsystem bereits eine lange reformpädagogische Tradition, das eigene Kind auf ‘Alternativschulen’ zu schicken, auf denen keine Noten vergeben werden. Wenn Eltern das für ihre Kinder wollen, haben sie also die Möglichkeit dazu. Für dieses breite und differenzierte Schulsystem bin ich dankbar. Aber die konventionelle Notengebung hat sich in unserem Regelschulsystem aus vielen verschiedenen Gründen bewährt.

WELT: Bildungsforscher kritisieren Noten als nicht differenziert genug.

Lin-Klitzing: Wir sollten auch im Regelschulsystem über ergänzende Maßnahmen sprechen. Zum Beispiel über eine begleitende Diagnostik, bei der individuelles Feedback erfolgt und Arbeitsaufgaben für Schüler erstellt werden, die ihnen in Problembereichen oder bei besonderen Begabungen zeigen, woran sie arbeiten können und sollen. Wenn ich als Lehrer beispielsweise festgestellt habe, dass es Schüler gibt, die mit Groß- und Kleinschreibung ein dauerhaftes Problem haben, dann bekommen diese bestimmten Schüler ein Arbeitspapier mit passgenauen Übungen.

WELT: Haben die Lehrer überhaupt die Zeit, solche Bögen vorzubereiten?

Lin-Klitzing: Mehr Aufwand heißt immer mehr Arbeitszeit für die Lehrer zu Hause. Eine realistische Forderung an die Bildungspolitik ist in diesem Fall, die Unterrichtsstunden der Lehrer zu senken. Je geringer die Unterrichtsverpflichtung ist, desto intensiver können sie vor- und nachbereiten, auf die Schüler eingehen und auch eine begleitende Lerndiagnose praktizieren. Sonst brechen pädagogischer Anspruch und Realität auseinander. Die Politik hätte längst die Stundenzahl senken müssen. Das muss ihnen die Bildung der Schüler schon wert sein. Zudem brauchen wir in bestimmten Schularten deutlich mehr Lehrer.

WELT: In einer Grundschule in Sachsen-Anhalt ist der Lehrermangel inzwischen so dramatisch, dass sogar Siebtklässler für den Unterricht von Grundschülern
eingesetzt werden.

Lin-Klitzing: Wir haben es in fast allen Bundesländern mit einer eklatanten politischen Fehlsteuerung zu tun. Es gab keine soliden Schülerzahl- und Lehrerbedarfsprognosen vonseiten der Länder und insbesondere für das Grundschullehramt nicht genügend Studien- und Referendariatsplätze und dementsprechend nicht genügend Einstellungen. Jetzt müssen die Länder schauen, wie sie Personen sehr gut nachqualifizieren, die nicht regulär auf Lehramt studiert haben.

Sachsen macht das zum Beispiel solide. Hier werden Seiteneinsteiger nach einer dreimonatigen Einführungsmaßnahme on the Job kontinuierlich nachqualifiziert und erst nach dieser mindestens zweijährigen Qualifizierungsmaßnahme zum Referendariat zugelassen. Sie müssen sich wie jeder reguläre Lehramtsbewerber bewähren.

WELT: Viele Bundesländer haben ihren Lehrerkräftebedarf zu mehr als 100 Prozent gedeckt. Trotzdem klagen sie über Lehrermangel. Wie geht das zusammen?

Lin-Klitzing: Ich verstehe, dass das auf den ersten Blick verwundert. Hessen hat zum Beispiel eine 105-prozentige Unterrichtsversorgung. Da könnte man jetzt laienhaft denken: »Super, alles gewuppt.« Das ist aber eine Milchmädchenrechnung. In der Praxis reichen 105 Prozent nicht. Es ist immer mindestens eine Lehrkraft mehr schwanger, ein Kollege mehr krank, als man ausgleichen kann, ganz zu schweigen von dem regulären Ausfall durch Klassenfahrten oder Exkursionen. Um alle Zwischenfälle abzufedern, braucht man eine Unterrichtsversorgung von 120 Prozent.

WELT: In Berlin hat der mutmaßliche Selbstmord eines elfjährigen Mädchens eine Diskussion über Mobbing an Schulen ausgelöst. Macht es die Personalnot Lehrern schwerer, Warnsignale zu erkennen?

Lin-Klitzing: Personalnot erschwert alles, was die Schule anbelangt. Aber selbst wenn wir voll ausgestattet wären und den Schulpsychologen an Bord hätten, kann Mobbing nicht ausgeschlossen werden. Für diesen Fall müssen Lehrer sowohl in der Ausbildung vorbereitet werden als sich auch thematisch in den Fächern damit beschäftigen, beispielsweise in Religion, Ethik, Politik, Deutsch. Wenn der Lehrer akut bestimmte Auffälligkeiten bei den Schülern bemerkt, sollte er sie ansprechen.

WELT: Schauen viele Lehrer stattdessen zu häufig weg?

Lin-Klitzing: Zu diesem ganz konkreten Fall kann ich nichts sagen, weil der Tod noch nicht vollständig aufgeklärt ist. Grundsätzlich gehe ich davon aus, dass sowohl Eltern als auch die Schule für das Kind verantwortlich sind – ich nenne das Erziehungspartnerschaft. Dazu gehört, dass bei Elternabenden Lehrer, Eltern und Schüler gemeinsam über Probleme sprechen. Wir fordern seit zwanzig Jahren, dass an Schulen grundsätzlich ein Schulpsychologe arbeiten muss.

Das ist nicht an jeder Schule der Fall, sondern häufig an eine bestimmte Schülerzahl gekoppelt. Aber Mobbing beziehungsweise Bullying an Schulen nimmt zu, die Formen der Gewalt verschieben sich. Sie gehen stärker weg von einer physischen Austragung hin zum sogenannten Cybermobbing beziehungsweise Cyber-Bullying via Internet über das Smartphone.

WELT: Sollte das Smartphone dann an Schulen noch einen Platz haben?

Lin-Klitzing: Cybermobbing wird ja meistens nicht in der Schulzeit betrieben, sondern in der Freizeit. Das passiert quasi grenzenlos, auf dem Sportplatz, an der Bushaltestelle, in der Kirche, zu Hause. Das Smartphone nur aus diesem Gesichtspunkt heraus an der Schule zu verbieten, würde das Problem aus meiner Sicht nicht lösen. Von daher ist es wichtig, dass sowohl Eltern als auch Lehrkräfte auf bestimmte Signale achten, zum Beispiel, wenn ein Kind stiller wird und sich zurückzieht.

WELT: Bei Eltern und Lehrern wird gerade noch über ein anderes Thema viel diskutiert: Tausende Schüler bleiben freitags dem Unterricht fern, um unter dem Motto ‘Fridays for Future’ gegen die aktuelle Klimapolitik zu demonstrieren. Haben Sie dafür Verständnis?

Lin-Klitzing: Ich kann die existenzielle Angst um die Bedrohtheit unserer Erde sehr gut nachvollziehen. Ich war in den achtziger-Jahren ähnlich engagiert. Das war die Zeit der Anti-AKW-Demonstrationen, des Protests gegen die Stationierung von Pershing-II-Raketen.

WELT: Haben Sie auch die Schule geschwänzt?

Lin-Klitzing: Nein, ich habe nicht geschwänzt. Für mich war Schule ein toller Ort, um mich zu entwickeln. Im Physikunterricht habe ich mich schlaugemacht über AKWs, und natürlich haben wir in der Schule im Fachunterricht über Sinn und Nutzen von Atomenergie gestritten. Aber auf die Demos bin ich am Nachmittag gegangen. Ich habe beides vereint.

WELT: Und das fordern Sie von den Schülern heute auch?

Lin-Klitzing: Ich will das gar nicht glorifizieren. Vielleicht war ich auch einfach nur ängstlich. Was ich aber sagen will, ist: Für mich gehört zur konsequenten Auseinandersetzung mit der Klimaproblematik mehr als nur Protest oder geteiltes Erleben. Wer das ernst meint, darf nach dem Abitur keine Weltreise unternehmen, nicht mit dem Auto zur Schule fahren und muss auch mit den Eltern die Auseinandersetzung über die vielleicht geplante Kreuzfahrt suchen.

WELT: Viele der demonstrierenden Schüler meinen das sehr ernst. In den Chat-Gruppen, in denen sie sich organisieren, führen sie zum Teil hitzige Debatten auch über persönlichen Verzicht.

Lin-Klitzing: Das ist begrüßenswert. Aber natürlich muss die inhaltliche Auseinandersetzung auch im Schulunterricht stattfinden. Die Befassung mit dem
Klimawandel gehört in die Fächer Physik, Chemie, Bio und Erdkunde. Sich dort ernsthaft und motiviert mit der Thematik auseinanderzusetzen,
gehört mindestens ebenso dazu wie zu demonstrieren.

WELT: Während der Schulzeit?

Lin-Klitzing: Nein. Davor oder danach. Die Demos dürfen kein Ersatz für den Freitagsunterricht werden. Aber wenn mal einer ausnahmsweise freitags auf die Demo geht, sollte man auch keinen Hype darum machen. Die Klasse sollte sich klug damit auseinandersetzen, wie sie den Protest kontinuierlich unterstützen kann, ohne dabei permanent die Schule zu schwänzen.

Quelle: DIE WELT, 11. Februar 2019, Das Interview führten Kaja Klapsa und Ricarda Breyton