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Arbeitszeituntersuchung überfällig

Deutscher Philologenverband trifft Vereinbarung mit der Universität Rostock über Durchführung einer bundesweiten Arbeitszeituntersuchung.

Wie kommt es dazu, dass deutschlandweit der Lehrerberuf in den letzten Jahrzehnten an Attraktivität verloren hat, obwohl er einer der schönsten Berufe ist? Immer mehr Eingriffe der Politik in immer kürzeren Abständen in den Schulbetrieb, das Übertragen von immer mehr Aufgaben an die Schulen, ohne eine zielgerichtete Aufgabenkritik durchzuführen und eine mangelnde Wertschätzung sind nur einige Aspekte, die stark in die Arbeit der Lehrkräfte eingegriffen haben und die Attraktivität dieses Berufsstandes mindern. Dabei hatte 2008 die damalige Bundesregierung die ‘Bildungsrepublik Deutschland’ ausgerufen und auf dem Dresdener Bildungsgipfel die Länder aufgefordert, keine Einsparungen aufgrund sinkender Schülerzahlen vorzunehmen, sondern die Mittel zur Verbesserung der Bildung zu verwenden.

Doch wie sieht die Realität des Jahres 2017 aus? Immer deutlicher treten die Defizite hervor. In Niedersachsen wollten Kultusministerin Heiligenstadt und die Rot-Grüne Landesregierung die Regelstundenzahl von Gymnasiallehrkräften erhöhen. Nur mittels einer Klage des Philologenverbandes Niedersachsen vor dem Oberverwaltungsgericht in Lüneburg konnte die Rücknahme der Erhöhung der Arbeitszeit erstritten werden.

Mehrarbeit durch neue Aufgaben

In den letzten Jahren ist durch die Eigenverantwortliche Schule eine Vielzahl zusätzlicher Aufgaben auf die Gymnasien zugekommen. Für Lehrkräfte ergibt sich die Mehrarbeit aus einem höheren Verwaltungsaufwand, längeren Korrekturzeiten durch interne und externe Vergleichsarbeiten sowie zusätzlichen Konferenzen zu schulinternen Lehrplänen, zur Erstellung von Schulentwicklungskonzepten, zur Selbstevaluation, zur Erstellung von Förderplänen, zur Bildungsberatung mit externen Partnern und zur inhaltlichen Abstimmung mit Schüleraufnehmenden und -abgebenden Schulen. Diese Mehrbelastung führt letztendlich dazu, dass für die Vor- und Nachbereitung von Unterricht sowie für die Korrekturen der Klassen- und Kursarbeiten am häuslichen Schreibtisch kaum noch Zeit bleibt.

Die Leitungen der Gymnasien haben als neue Aufgaben die Personalplanung und Personalentwicklung, die Budgetverwaltung, die Lehrereinstellung auf Schulstellen, die Verbeamtung auf Probe und auf Lebenszeit, die Verleihung eines Amtes A 14, das Abschließen von Arbeitsverträgen für Vertretungskräfte, die Abordnung von Lehrkräften an andere Schulen, die Beurteilung von Referendarinnen und Referendaren sowie die Wiedereingliederung langzeiterkrankter Lehrkräfte hinzubekommen.

Die neuen Aufgaben waren nicht mit einer Aufgabenreduzierung an anderer Stelle oder einer verbesserten Personalausstattung verbunden. Auch für Gymnasiallehrkräfte gilt aber die 40- bzw. 41-Stundenwoche wie allgemein für Beamtinnen und Beamte im Öffentlichen Dienst der Länder.

Großprojekt Arbeitszeituntersuchung durch den DPhV

Bereits die 1973 im Auftrag der Kultusministerkonferenz durchgeführte Arbeitszeituntersuchung durch die Schweizer Unternehmensberatung Knight-Wegenstein zeigte für Lehrkräfte unter Einberechnung der Ferienzeiten eine weitaus höhere Arbeitsbelastung als beim übrigen öffentlichen Dienst. Alle nachfolgenden Studien erbrachten gleiche Ergebnisse. Die letzte Untersuchung liegt allerdings bereits mehr als zehn Jahre zurück. Da seitdem die Belastungen in den Gymnasien weiter angestiegen sind, hat der Deutsche Philologenverband die Kultusministerkonferenz zu einer erneuten Untersuchung aufgefordert. Da diese – wie auch die Kultusministerien der einzelnen Länder – jedoch bisher nicht reagiert hat, hat der Deutsche Philologenverband jetzt gehandelt und eine derartige Untersuchung in Auftrag gegeben.

Umfassende Studie des Deutschen Philologenverbandes zur Arbeitszeit und Arbeitsbelastung in allen Gymnasien

Die geplante Untersuchung soll einerseits die Arbeitszeit der Gymnasiallehrkräfte erfassen, andererseits auch deren wahrgenommene Belastung aufzeigen. Arbeitszeit und Belastung sind beides Faktoren, die nach allgemeiner Einschätzung Auswirkungen auf die Gesundheit haben. Daher wird auch dieser Aspekt untersucht werden.

Für die Studien konnte das Institut für Präventivmedizin der Universität Rostock unter Leitung von Professorin Dr. Regina Stoll gewonnen werden. Die Durchführung des Projektes liegt bei Dr. Reingard Seibt, Dr. Steffi Kreuzfeld, Universitäts-Professor Dr. Klaus Scheuch sowie Astrid Martin.

In den bisherigen Arbeitszeit- bzw. Belastungsstudien wurden nur diverse Aspekte der Lehrerarbeit oder einzelne Bundesländer oder Lehrergruppen betrachtet. Mit den jetzigen Studien wenden sich der Deutsche Philologenverband und seine Landesverbände an die gesamte Gymnasiallehrerschaft im Bundesgebiet. Es handelt sich somit um die umfassendste Untersuchung, die bisher in Deutschland zu einer Berufsgruppe durchgeführt wurde.

Die Studien basieren auf einem Fragebogen in elektronischer Form und zugleich auf einem Arbeitszeitprotokoll. Die Daten werden an die Universität Rostock übermittelt, die die notwendigen Vorkehrungen für eine anonyme Datenerfassung getroffen hat. Die Fragebögen sowie der technische Ablauf wurden an je einem Gymnasium in Bayern, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen und Sachsen getestet. Es erfolgen jetzt die letzten Abstimmungen. Die Durchführung wird über vier Wochen im ersten Quartal 2018 erfolgen.

von Steffen Pabst und Rainer Starke

2017-10-12T20:27:26+00:00 12.10.2017|Aktuelles|